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Gnadenbrot oder Gnadentod?

Vorausgeschickt, dass Gnade unverdiente Milde bedeutet, ist die Ausrede, seinem Pferd den Gnadentod zu gewähren die am meisten verbreitete Methode, eine Partnerschaft zwischen Reiter und Pferd zu beenden. Jeder Reiter weis, dass die Lebenserwartung eines Pferdes größer ist als seine Nutzungsdauer. Solange der Sport- kamerad in Turnieren platziert ist, wird er gehätschelt. Wenn dann die sportliche Nutzung Verschleiß bedingt sinkt, lässt man sich gerne im Reiterkasino davon überzeugen, dass jede Weiternutzung für das Pferd Qual bedeutet und es zu erlösen Pflicht des Halters sei. Die Vertrautheit miteinander, das freudige Brummeln, die Erwartung ein Pferdeleckerli zu erheischen, weicht der nüchternen Überlegung der Kostennutzungsrechnung. Vermehrte Tierarztkosten bei gleich bleibenden Stallkosten in Verhältnis gesetzt zu den geringer werdenden Nutzungsmöglichkeiten führen dann bald zu dem hehren Entschluss ein Ende zu machen. Am Tresen beglückwünschen die Reiterkameraden die getroffene Entscheidung.

In Anbetracht des Schlachtpreises bleibt dem Pferd der Transport zum Metzger nicht erspart. Sein Pferd auf seinem letzten Weg noch zu begleiten überträgt man einem Stallburschen gegen ein Trinkgeld. Ein Kloß im Halse muss an der Kasinobar herunter gespült werden. Die Reiterfreunde bestärken den zurückgebliebenen Reitersmann darin, richtig gehandelt zu haben. Es gibt auch schon Vorschläge für einen Neukauf. Der Reitersmann wischt ein verlogenes Tränchen aus dem Augenwinkel. Später begießt man zünftig den Neuzugang nach der

Formel "das Pferd hat vier Beine" mit entsprechender Anzahl Flaschen Champagner oder je nach Finanzkraft mit der billigeren Variante der Hausmarke des Reiterstübchens. Dabei wünscht man sich "Hals und Beinbruch" und erinnert sich, es war ein gutes Pferd. Dann folgt der Trinkspruch "Prost Reiter" ein jeder wird schnell die Hand wechseln, mit der er das Glas hält. Die Zügelhand ist die rechte Hand und folglich wird bei "Prost Reiter" das Glas mit der linken Hand "gestemmt". Wer falsch prostet zahlt die nächste Runde.